Perspektiefe 55, Dezember 2021
Stadtentwicklung der Zukunft
NACHGEFRAGT: Wir befragten Menschen aus Kirche und Diakonie, wie aus ihrer Sicht eine Innenstadt der Zukunft aussehen sollte und welchen Beitrag Kirche dazu leisten kann.
Dekanin Jutta Herbert
Evangelisches Dekanat Worms-Wonnegau

Spätestens seit Alfred Döblin seinen Franz Biberkopf durch die Straßen Berlins ziehen ließ, verbinden wir Innenstädte mit Hektik, Enge und einer eher dunklen Atmosphäre. In einer Innenstadt der Zukunft hat sich dieses Image eines Molochs ins Gegenteil entwickelt: Es gilt nicht weiter die Maxime „verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt“, vielmehr geht es um die Gestaltungskraft eines Mit- und Füreinander.
Damit das gelingt, müssen aktuelle gesellschafts- und sozialpolitische Fragen in den Blick genommen werden: Dazu gehört das Urban Gardening ebenso selbstverständlich wie das Mehrgenerationenwohnen oder Maßnahmen gegen die Ghettoisierung von Stadtteilen. Dies erfordert multifunktionale Orte und Räume, durch die unterschiedliche Zielgruppen angesprochen und damit Menschen verschiedener Milieus, Altersgruppen oder Herkunft zusammengebracht werden. Dabei kann Kirche einen wichtigen Beitrag leisten. Allein die erweiterte Nutzung der zahlreichen kircheneigenen Gebäude könnte das Problem fehlender Räume in vielen Innenstädten lösen: Die Kirche wird tagsüber zum Co-Working-Space, abends ist sie kultureller Veranstaltungsort; das Café im Gemeindehaus wird zum Raum für Begegnungen, nachdem man den Nachwuchs in den benachbarten Kindergarten gebracht hat – der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Die Orientierung am Gemeinwohl muss dabei der Impulsgeber sein.
Touristisch attraktive Innenstädte, ein vielfältiges gastronomisches und kulturelles Angebot sowie ein lebendiger Handel unterstützen sich gegenseitig. Wenn die Attraktionen einer Stadt in engem Verhältnis zur Kirchengeschichte stehen, sollten Stadtmarketing, Tourismus und Kirche kooperieren, um die Anziehungskraft der Innenstadt zu steigern. In Worms etwa, vor 500 Jahren Schauplatz für Martin Luthers Auftritt vor dem Reichstag, arbeiten Stadt und Kirche seit vielen Jahren zusammen und bieten ein breites Repertoire an touristischen und kulturellen Angeboten rund um das Thema Luther und die Reformation.
Der Beitrag der Kirche zur innenstädtischen Neugestaltung sollte aber über das Zurverfügungstellen von Raum und die Ausarbeitung kirchengeschichtlicher Tourismuskonzepte hinausgehen. Immer schon war Kirche ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Lebenswelten willkommen waren und in Kontakt kommen konnten. Dies bleibt auch in Zukunft eine wichtige Aufgabe, damit die Innenstädte der Zukunft nicht nur attraktive Orte sind, sondern auch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zur sozialen Gerechtigkeit beitragen.
Agim Kaptelli
Leiter des Diakonischen Werkes Wiesbaden

Unsere Ballungsräume und Innenstädte befinden sich in einem Umbruch und werden sich verändern. Eine diakonische Perspektive auf diesen Wandlungsprozess ist eine Perspektive der Teilhabe für alle. Eine Perspektive, welche die Lebensrealität und die Bedürfnisse von Obdachlosen und ärmeren Bevölkerungsgruppen im Blick hat und gleichzeitig die Aufenthalts- und Lebensqualität für alle steigert.
Aktuell sind unsere Innenstädte sehr stark durch den Konsum geprägt. Ob Einkauf, Restaurantbesuch, Kino, Theater, Museum, fast überall ist Teilhabe nur möglich, wenn man über die nötigen finanziellen Mittel verfügt.
Unser imaginärer Rundgang durch eine Innenstadt der Zukunft startet an einem wenig beachteten Ort: Das öffentliche und kostenfreie Toilettenhäuschen. Seit Jahren setzt sich die Diakonie dafür ein. Gerade für wohnungslose Menschen wäre dies eine wichtige Einrichtung, um würdevoll am Stadtalltag teilnehmen zu können. Darüber hinaus braucht es öffentliche Plätze mit hoher Aufenthaltsqualität, frei vom Zwang zum Konsum. Das könnten kleine Grünanlagen mit der Möglichkeit zum Picknick ebenso sein wie Spielplätze mit Baumbestand und Grünflächen, um Familien mit Kindern und älteren Menschen auch an heißen Sommertagen einen attraktiven Aufenthalt in der Innenstadt zu ermöglichen.
In unserer „Stadt der Zukunft“ finden wir Mischformen aus Café/Kneipe und kreativ-sozialen Räumen. Diese Orte sind von der öffentlichen Hand gefördert, attraktiv gestaltet und bieten Raum zum Spielen, Basteln und kreativ sein für alle Altersgruppen. Diese Orte könnten auch gut mit einem niedrigschwelligen Seelsorge- und Beratungsangebot verbunden werden. Es entstünden Orte des sozialen Lebens, die auch ärmeren Bevölkerungsgruppen offen stünden.

JackF - AdobeStock
Neben den klassischen Investoren mit rein wirtschaftlichen Interessen treten in Zukunft auch gemeinwohlorientierte Unternehmen, wie die Wohlfahrtspflege, die Kirchen und die öffentliche Hand, stärker als Gestalter des Stadtraums auf. Sie setzen sich für preiswerten Wohnraum und die Förderung von Kleingewerbe ein. Dazu müssten Kirche und Diakonie den Mut aufbringen, stärker als bisher unternehmerisch tätig zu werden, immer mit dem Ziel, den Menschen zu dienen.
Es ist Abend geworden. Zum Ende unseres Rundgangs durch die Innenstadt treffen wir wieder auf wohnungslose Menschen. Sie halten sich tagsüber hier auf, um z. B. Flaschen zu sammeln oder um Almosen zu bitten. Nachts schlafen sie in Parks oder Garageneinfahrten. Sie sind nicht nur dem Wetter, sondern auch Übergriffen und Gewalt schutzlos ausgeliefert. In unserer „Innenstadt der Zukunft“ gibt es an zentralen Orten kleinteilige und geschützte Schlafmöglichkeiten für sie.
Die Stadt der Zukunft muss nicht nur die Anpassung an den Klimawandel bewältigen, die Transformation des Einzelhandels gestalten und neue Verkehrskonzepte entwickeln. Sie muss auch ein neues Gefüge des sozialen Miteinanders fördern. Dafür setzen sich Kirche und Diakonie ein.
Armand Untiedt
Kirchenvorsteher der Ev. Kirchengemeinde Alzey

Eine Innenstadt der Zukunft sollte aus meiner Sicht wieder das Zentrum, das Herz einer Stadt werden. Das heißt, ein Ort, wo das Leben stattfindet. Ein Mittelpunkt, wo man sich trifft, wo man alles Lebensnotwendige vorfindet und wo man sich vergnügen kann.
Nicht zuletzt durch die Pandemie veröden die Innenstädte aber, weil Ladenlokale wegen Geschäftsaufgabe leer stehen, weil sie als Wohnraum nicht mehr bezahlbar sind und weil vieles in zunehmendem Maße online stattfindet.
Um Innenstädte wieder attraktiv zu machen, müssen sie wieder Zentrum werden, wo das Herz schlägt. Da stelle ich mir einen belebten Marktplatz vor mit kleineren Geschäften des täglichen Bedarfs, Cafés und Restaurants, wo man sich treffen und verweilen kann. Bezahlbarer Wohnraum gehört wohl auch dazu, dass auch nach Ladenschluss Leben spürbar bleibt.
Kirchengebäude sind traditionell im Zentrum einer Stadt errichtet worden, eben dort, wo das Leben der Menschen stattfand. Kirchen stehen oft am Marktplatz, an prominenter Stelle im Herzen einer Stadt. Vielleicht muss ein Blick in die Zukunft mit dem Blick zurück verbunden werden. Früher fand das Leben auf dem Marktplatz vor der Kirche statt. Heute parken dort Autos, wie in Alzey beispielsweise.
Möglicherweise kann unter diesem Gesichtspunkt Kirche die Innenstädte der Zukunft mitgestalten. Ich denke, wenn Kirche wieder attraktiver für die Menschen wird und wieder selbstverständlicher Teil des täglichen Lebens wird, wird auch die Innenstadt attraktiver werden.
Ist Kirche ein Ort des Geschehens und des Lebens, so wird die Innenstadt in Verbindung mit einem attraktiven Angebot an bezahlbarem Wohnraum, Geschäften und Restaurants zu einem Magneten, der die Menschen anzieht und verweilen lässt. Dazu muss Kirche offen sein, auch im wörtlichen Sinne. Offen für Besucher auch außerhalb der Gottesdienstzeiten, offen für jede und jeden und Menschen zusammen bringen, Raum bieten für Veranstaltungen vielfältigster Art. Kirche muss Präsenz zeigen und Lust machen. Lust auf Mitmachen und Leben.

Foto: M. Befurt